Ford Mustang – Kampf der Systeme

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Von Klaus H. Frank

Performance meets Electric – ein Slogan, mit dem Ford den Kampf der Systeme in einem Auto demonstriert, das seit etwa sechs Jahrzehnten die Herzen von Sportwagenfans höher schlagen lässt: im Ford Mustang. Auf der einen Seite steht die Mustang-Ikone Mach 1 mit traditionellem Saugmotor, auf der anderen der vollelektrische Mustang Mach-E. Es sind zwei Welten, die hier im „Kampf“ aufeinander treffen, bei dem der klassische Mustang (meistverkaufter Sportwagen der Welt) leider schon heute als Verlierer feststeht. Denn Ford hat angekündigt, seine europäische Pkw-Produkt-Palette bis 2030 komplett auf Elektroantrieb umzustellen. Also ein Aus für die Produktion von herkömmlichen Verbrenner-Motoren.

Jetzt aber nochmal Hardcore-Gänsehaut mit dem Mach 1, ein Gefühl, wie es nur ein Saugmotor, wie eben in diesem ikonischen Pony-Car, hervorrufen kann. Die nackten Daten des limitierten Muscle-Cars: Fünfliter-V8-Motor, 460 PS bei 7250 U/min, 529 Nm Drehmoment bei 4900 Touren, Zweischeibenkupplung, Launch-Control und Sechsgang-Schaltgetriebe von TREMEC. Der Mach 1 ist auch mit einer Zehngangautomatik (3000 Euro) zu haben, womit wir ihn zwar nicht als Spaßbremse bezeichnen wollen. Aber es fehlt halt das gewisse Kribbeln.

Allein schon der Schaltknauf im Design einer Billardkugel – ein absolutes Muss für einen Mustang, weckt er doch Erinnerungen an den Hollywood-Star Steve McQueen im Action-Klassiker Bullit. In diesem weltbekannten Streifen hat sich McQueen im 68er Mustang Fastback eine wilde Verfolgungsjagd mit einem Dodge Charger durch San Francisco geliefert und so das Narrativ um die Legende Mustang nachhaltig befeuert.

Wer das Biest mit seinen acht „Töpfen“ unter der gestreiften Haube des Mach 1 weckt, wird von einem  infernalen Sound begrüßt, den so mancher Zeitgenosse ohne Benzin im Blut wohl auch als Lärm bezeichnen mag. Es ist schon hörenswert, was die Abgasanlage mit Klappensteuerung über die vier Endrohre in die Welt hinausbläst. Noch beeindruckender jedoch sind Beschleunigungswerte, wie sie bis vor ein paar Jahren nur dem Rennsport vorbehalten waren: Den Sprint auf 100 erledigt der ausschließlich als Fastback (2-Türen, 4 Sitze) konzipierte Mach 1 (mit Automatik) in gerade mal 4,4 Sekunden (Handschalter 0,4 Sekunden langsamer) und stoppt seinen Vorwärtsdrang erst dann, wenn der Tacho 267 km/h anzeigt (mit Automatik schafft er nur 250 km/h). Beim Verbrauch müssen wir glauben, was im Datenblatt steht: 12,4 Liter sollen es nur sein – das klingt doch sehr optimistisch. Erfreulich, wie der relativ geringe Verbrauch ist auch der Preis. Nur 60 800 Euro ruft Ford auf – für einen Super-Sportwagen ist das ein echtes Schnäppchen.

Hervorragend ist die Verbesserung des aerodynamischen Abtriebs (um 22 Prozent) im Vergleich zum serienmäßigen Mustang GT. Dies stabilisiert den Geradeauslauf deutlich und ermöglicht größere Geschwindigkeiten speziell in schnellen Kurven. Wichtig für alle jene, die mit dem neuen Mustang Mach 1 auf die Rennstrecke wollen, denn Ford hat sein Rennpferd speziell für den Einsatz auf Rundstrecken optimiert. Schade nur, dass wir dies im ländlichen Voralpengebiet nicht testen konnten. Deshalb vertrauen wir auf die Aussagen von Matthias Tonn, Chefingenieur des Mustang Mach 1-Programms: „Als Garanten für ein besonders sportliches Handling dienen Radaufhängungs-Komponenten aus dem Mustang Shelby GT350 und GT500 sowie das elektronisch geregelte, verstellbare MagneRide1-Fahrwerk. Es wurde für den Mustang Mach 1 neu justiert und um straffere Federraten sowie größere Querstabilisatoren ergänzt. Gemeinsam mit der elektro-mechanischen Servolenkung und der ausgefeilten Aerodynamik ermöglicht es ein ungeheuer direktes Einlenkverhalten und sehr präzise Rückmeldungen an den Fahrer.“

Ja, und dann ist da noch der andere Mustang, der elektrische Mach-E. Kein Sportwagen, sondern ein Cross-SUV, wie ihn Ford bezeichnet. Designerische Parallelen zwischen dem Muscle-Car und dem SUV sind spärlich. Es gibt sie jedoch. Vor allem am Heck, wo die sechs senkrecht stehenden Rücklichter, die auffälligste Gemeinsamkeit von Sportwagen und SUV sind. Nicht zu vergessen das galoppierende Wildpferd auf der Frontmaske des SUV.  Der größte Unterschied der beiden Mustangs liegt in der Höhe der Fahrzeuge. Der Sportwagen misst 1,38 Meter, der SUV hingegen 1,62 Meter, also mehr als zwanzig Zentimeter Höhen-Differenz.

Der Mustang Mach-E ist vom Design her ein sehr schickes Auto, ohne jedoch ein Gesicht in der Menge zu sein. Sehr gelungen finden wir den geräumigen und qualitativ hochwertig verarbeiteten Innenraum des 4,71 Meter langen und 1,88 Meter breiten Mustang Mach-E. Trotz der coupéhaft sanft nach hinten abfallenden Silhouette findet sich auch auf den Rücksitzen ausreichend Platz mit genügend Kopffreiheit. Der Kofferraum (engl. Trunk) schluckt 402 Liter, bei umgeklappten Rücksitzen sind es 1420 Liter. Zusätzlich gibt‘s unter der Fronthaube einen Frunk (ein Kunstwort aus Front und Trunk) mit dem Fassungsvermögen von 100 Litern. Der Clou: Der Kunststoff-Frunk hat einen Wasserablauf und kann problemlos mit dem Gartenschlauch saubergespritzt und das Wasser abgelassen werden.

Das puristische Cockpit wird dominiert von einem riesigen aufrecht stehenden 15,5 Zoll (39 Zentimeter) großen Touchscreen. Das intuitiv bedienbare riesige XXL-Teil  macht sich ganz hervorragend, birgt jedoch die latente Gefahr dran rum zu spielen und sich ablenken zu lassen. Dort ist zum Beispiel auch die Stärke der Rekuperation einstellbar. Mit dem sogenannten  „One-Pedal-Drive“ kann der Fahrer den elektrischen Mustang allein mit dem Strompedal dirigieren und bis in den Stand abbremsen.

Bei der Türöffnung präsentiert Ford eine echte Novität auf – es gibt keine konventionellen Türgriffe. Per Druck auf einen Cent-großen Sensor springen die Türen auf und mit einem Mini-Griff können sie ganz aufgezogen werden. Auch das Smartphone kann als digitaler Schlüssel für die Türöffnung genutzt werden.

Sehr gut ist das Kurvenverhalten, dank Allradantrieb und tiefem Schwerpunkt wegen des Akkupakets im Fahrzeugboden. Als Verbrauch messen wir nach einem Kurztrip  25 kWh. An einer Schnell-Ladestationen (HPC) mit 150 Kilowatt (kW) soll es möglich sein, in zehn Minuten Strom für 120 Kilometer Reichweite zu laden. In einer dreiviertel Stunde soll die Batterie wieder zu etwa 80 Prozent voll sein.

Der Mach E in der Basisversion (68-kW/h-Batterie, 269 PS) mit Heckantrieb kostet 46 900 Euro und schafft eine Reichweite von 440 Kilometern. Der derzeit stärkste (88-kW/h-Batterie, 351 PS) mit Allradantrieb liegt im Preis bei 62 900 Euro und kommt 540 km weit.

Wer glaubt, dass die Fahrleistungen des „Elektrikers“ nicht an die des Achtzylinders  heranreichen könnten, sieht sich nur bis Ende des Jahres bestätigt. Denn dann kommt der Mach E in einer GT-Version mit 358 kW/ 487 PS und dem unglaublichen Drehmoment von 860 Newtonmetern. Mit der Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h ist er zwar noch weit entfernt von der Top-Speed des Mach 1, aber beim Sprint auf 100 beweist er sich als der Schnellere. Gerade mal 3,7 Sekunden vergehen bis der elektrische Mustang Tempo 100 erreicht. Da staunen selbst die „echten“ Mustang-Fans und könnten sich vorstellen, dass dieses Antriebspaket mal in eine „echte“ Mustang-Sportwagen-Karosse gepackt wird. Das wäre doch was  – Porsche hat es mit dem Taycan vorgemacht. (autour24/khf)

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