Premium-Qualität im Fokus: der große Seat Tarraco

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Von Klaus H. Frank

Ohne SUV geht gar nichts in der Automobilbranche. Eine etwas übertriebene Formulierung zwar – aber nicht falsch. Musterbeispiel für diese These ist die Entwicklung bei VW-Tochter Seat. Seit die Spanier 2016 ihren ersten SUV, den Ateca, vorstellten, geht es mit den Zulassungszahlen steil aufwärts. Es folgten 2017 der etwas kleinere Arona und dann noch Anfang 2019 der größere Tarracco, was die Zahlen geradezu explodieren ließ. Mittlerweile ist der SUV-Anteil bei den Spaniern auf mehr als 50 Prozent angewachsen – und es wird so weitergehen. Denn mit der Etablierung der sportlichen Marke Cupra haben die Spanier noch einen weiteren Trumpf in ihren Karten, der als 300 PS starker Cupra Ateca so mancher Konkurenz die Butter vom Brot nimmt. Und nun steht noch ein weiterer Umsatzbringer in der Startlöchern:  der superschicke Formentor, der als Plug-in-Hybrid für weiteren Schub sowohl bei den SUV als auch bei den Elektrofahrzeugen sorgen wird.

Für Freunde des SUV ist der Tarraco eine hochinteressante Adresse, denn dessen Peis-Leistungs-Verhältnis ist genial. Der Tarraco kann nahezu alles, was auch die Premium-Konkurrenz kann – und der Preis? Genial, wie wir schon sagten. Doch eins nach dem anderen.  Hier unsere Erfahrungen im Test:

Der erste Blick lässt uns erstaunen. Ein Riesenteil dieser Tarraco, der mit einer Länge von 4,74 Metern selbst einen Audi Q5 oder einen BMW X3 übertrifft. Er ist sogar minimal länger als die relativ baugleiche Geschwister-Konkurrenz aus dem VW-Konzern: Denn VW Tiguan Allspace und Skoda Kodiaq sind etwa vier Zentimeter kürzer. Und er ist der Sportlichste unter den Dreien:  Der steil stehende sechseckige Grill mit breitem Chromrand erlaubt eine sehr lange Motorhaube, was die Sportlichkeit betont. Typisch sind scharf geschnittene Kanten und eine klare Schnörkellosigkeit. Schicke Leuchten vorne sind ausschließlich in LED verfügbar und prägen das Seat-Gesicht. Am Heck betont ein Reflektorband zwischen den beiden LED-Rückleuchten die Breite, und in der Silhouette machen sich die fetten 20-Zöller (optional) auf schicken Felgen besonders gut und unterstreichen den sportlichen Anspruch.

Einsteigen: Er ist nicht zu hoch gebaut, der Tarraco, sodass normal gewachsene Menschen mit einem Rutsch hineinschlüpfen können in die „gute Stube“. Die Qualität der Materialien und die Verarbeitung im Innenraum besitzen das typische Volkswagen-Niveau – also gut. Seat sieht seinen Tarraco sogar schon auf dem Weg ins Premium-Segment, was grundsätzlich nicht falsch taxiert ist. Aber der Weg dorthin ist holprig, denn Hartplastik, auch wenn sie nicht auf den ersten Blick zu sehen ist, ist auf dem Olymp der ganz großen Premium-Hersteller ein Tabu. Schick ist das zentrale acht Zoll große Touchscreen-Display in der Form eines iPads, das im Wesentlichen fürs Infotainment (mit Alexa und Shazam) zuständig ist. Das Display ist mit Gesten steuerbar. Begeisternd ist das direkt im Blickfeld des Fahrers liegende virtuelle Cockpit mit all seinen Informationen, zum Beispiel über Geschwindigkeit und Drehzahl. Sie werden auf simulierten Analog-Instrumenten digital dargestellt.

Voll überzeugen kann der Tarraco beim Platzangebot. Vorne gibt’s Platz ohne Ende. Und selbst in der zweiten Sitzreihe können die Passagiere herumlümmeln und wähnen sich dank der längs verschiebbaren Sitze in der Langversion einer dicken Limousine. In der fünfsitzigen Version (optional ist ein Siebensitzer, Aufpreis 800 Euro) herrscht eitel Freude über 760 Liter Kofferraumvolumen – und werden die hinteren Sitze umgeklappt, sind es 1920 Liter.

Aufs Gas treten: Sieht der kritische Fahrer von einer kleinen Anfahrschwäche im absoluten Drehzahlkeller einmal ab, dann wirkt der Zweiliter-TDI mit 190 PS eigentlich in jedem  Drehzahlbereich ausreichend kraftvoll – wenngleich: Spanisches Temperament fühlt sich etwas anders an.  Zwischen 1750 und 3250 Touren  besitzt das Vierzylinder-Triebwerk ein maximales Drehmoment von 400 Nm – das ist okay. Die 7-Gang-Automatik (DSG) harmoniert ganz prächtig mit dem Selbstzünder-Triebwerk, das sich akustisch dank guter Dämmung sehr zurückhaltend gibt.  Wie beim DSG gewohnt, sind die Schaltvorgänge nahezu unmerklich und die Gangwahl perfekt. Wird das Gaspedal voll durchgetreten, dann sprintet der Tarraco in acht Sekunden auf 100 und erreicht eine Spitze von 210 km/h. Mit großer Befriedigung nicken wir den Verbrauch des immerhin rund 1,8 Tonnen schweren Tarraco ab. Seat gibt ihn mit 7,2 Liter an. Unser Testverbrauch liegt bei 7,5 Liter – da kann wohl niemand meckern.

Legen wir los: Obgleich wir den Tarraco überwiegend auf Asphalt bewegen und dort  vor allem seine Langstreckentauglichkeit genießen, wollen wir natürlich auch seine Fähigkeiten im Gelände kennenlernen. Um es gleich vorwegzunehmen: Er kann’s. Garant dafür ist sein ausgeklügeltes Allradsystem 4Drive, das die Ingenieure von Seat als eines der sichersten, effizientesten und fortschrittlichsten On-Demand-Allradantriebe der Welt bezeichnen. Das System sitzt auf der Hinterachse am Ende der Antriebswelle kurz vor dem hinteren Differenzial. So ist die Gewichtsverteilung optimal und das System reagiert schneller, weil die Kardanwelle immer mit dem Motor verbunden ist, erklären  Seat-Techniker.

Der Tarraco fährt bei normalen Straßenverhältnissen wie ein Fronttriebler und leitet Kraft in Sekundenbruchteilen an die hinteren Räder, falls vorne Traktion verloren geht. Normalerweise verteilt das System das Antriebsmoment gleichmäßig 50 : 50 auf Vorder- und Hinterachse. Falls notwendig, kann die gesamte Antriebskraft jedoch innerhalb von Millisekunden komplett zur Hinterachse geschickt werden. Der 4Drive Allradantrieb kann das Drehmoment auch variabel auf die Räder links oder rechts verteilen – wirklich intelligent also. 4Drive analysiert in Echtzeit Bodenbeschaffenheit, Beladung des Fahrzeugs, Geschwindigkeit, Lenkradposition und Fahrstil, um blitzschnell und stufenlos die optimale Antriebskraft ans Räderwerk zu übertragen.

Ab in die Botanik: Die Erklärungen zur Allrad-Technik klingen sehr nach grauer Theorie – 4Drive funktioniert aber in der Praxis ganz hervorragend. Über die Fahrprofile kann für Off-Road-Fahrten mit einem Drehknopf ein geeigneter Modus gewählt werden, der dann für perfekte Traktion auf dem jeweiligen Untergrund sorgt. Wir schleichen uns heimlich auf ein Übungsgelände für MotoCross und sind begeistert, wie spurtreu der Tarraco im Gelände ist, obwohl wir ihm ordentlich die Sporen geben. Er fährt wie auf Schienen, bricht nicht aus, weil das Allradsystem die Kraft perfekt verteilt und das ESP wachsam im Hintergrund lauert, falls es doch mal einen Ausrutscher gibt. Besonders beeindruckend ist der Bergabfahr-Modus: Auf einem Steilhang auf dem wohl jeder zu Fuß hoffnungslos verloren wäre und nur auf dem Hosenboden hinab rutschen könnte, zuckelt der Tarraco den Hang hinab, ohne dass wir (außer zu lenken) eingreifen müssen. Dabei behält er die vorgewählte Geschwindigkeit konstant bei. Also Fuß vom Gas, der große Spanier erledigt den Abstieg ganz allein. Über einen Drehknopf sind weitere hilfreiche Off-Road-Programme einstellbar.

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Assistenten und Ausstattung: Seat hat seinen Tarraco mit allen Assistenzsystemen ausgestattet, die „state of the art“ sind. Müßig, sie alle aufzuzählen. Und auch bei der Ausstattung hat Seat in die Vollen gegriffen und bietet an, was im Premium-Segment gang und gäbe ist. Logischerweise etliches gegen Aufpreis.

Der Blick in die Preisliste: So verwundert es nicht, dass der Tarraco in der Version Xcellence 2.0 TGI 4 Drive bei einem Basispreis von 43 800 Euro bei unserem Testwagen dann dennoch stolze 55 584 Euro kostet. Dickste Posten sind dabei unter anderem die Metallic-Lackierung für 1500 Euro, die Leichtmetallräder für 980 Euro, die Adaptive Fahrregelung DCC für 940 Euro, die Standheizung für 1050 Euro, das Panorama-Glasdach für 1145 Euro, das Navigationssystem Plus für 1140 Euro und das Lederpaket, das mit 1500 Euro zu Buche schlägt. Sicherlich summiert sich all dies zu einem ansehnlichen Preis, der den Tarraco tatsächlich deutlich in Richtung Premium bewegt. Aber wir müssen gestehen: Der Seat Tarraco ist davon wirklich jeden einzelnen Euro auch wert. (autour24)

Technische Daten Seat Tarraco 2.0 TDI 4Drive: L x B x H (Meter): 4,74 x 1,84 x 1,66, Radstand: 2,77 Meter. Motor: R4-Diesel, 1968 ccm, Turbolader, Direkteinspritzung, max. Drehmoment: 400 Nm bei 1750 U/min, Leistung: 140 kW / 190 PS. Höchstgeschwindigkeit: 210 km/h, Beschleunigung 0 auf 100 km/h: 8 Sek. WLTP-Durchschnittsverbrauch: 7,2 Liter, Testverbrauch: 7,5 Liter. Effizienzklasse: B, CO2-Emissionen: 191 g/km (Euro 6 AG). Leergewicht / Zuladung: min. 1816 kg / max. 669 kg. Kofferraumvolumen: 760 – 1920 Liter. Max. Anhängelast: 2300 kg. Wendekreis: 11,75 Meter, Bodenfreiheit: 201 mm. Bereifung: 235/45 R 20. Luftwiderstandsbeiwert: 0,32. Wartungsintervalle: 20 000 km/12 Monate. Garantie: 24 Monate. Basispreis: 43 800 Euro. Testwagenpreis: 55 584 Euro.

 

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