Goslar Diskurs: Potenzial von Telematik-Versicherungstarifen

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Telematik-Tarife in der Kfz-Versicherung können den Verkehr sicherer und die Beitragsberechnung gerechter machen – denn dabei wird die individuelle Fahrweise anhand von Daten aus dem Auto bewertet. Wer vorausschauend und sicher fährt, erhält bis zu 30 Prozent Beitragsnachlass und bekommt zusätzlich ein Feedback zu seinem Fahrverhalten. Diese Vorteile wurden bei der alljährlichen Diskussionsveranstaltung der Studiengesellschaft für verbrauchergerechtes Versichern, dem Goslar Institut, am Rande des aktuellen Verkehrsgerichtstages in Goslar deutlich.

Prof. Dr. Klaus Kocks von der Sozietät für Kommunikationsberatung CATO führte in den „Goslar Diskurs“ ein und stellte zusammen mit Prof. Dr. Susanne Knorre vom Institut für Kommunikationsmanagement der Hochschule Osnabrück die Studie „Die Big-Data-Debatte“ vor. Gemeinsam mit Prof. Dr. Fred Wagner vom Institut für Versicherungslehre (IVL) der Universität Leipzig und Prof. Horst Müller-Peters vom Institut für Versicherungswesen der TH Köln (ivvKoeln) wurde dafür das Verhalten der Bürger im Umgang mit Massendaten untersucht und dabei deutlich, dass bei allen Big-Brother-Szenarien die Vorteile nicht außer Acht gelassen werden dürfen, die sich durch die Verwendung von persönlichen Daten – in diesem Fall bei Telematik-Tarifen – ergeben können.

Beiderseits der traditionellen Moderatorin Carola Ferstl, Redakteurin für Wirtschaft beim Nachrichtensender n-tv, saßen dann der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit Sven Hermerschmidt, der Publizist und Automobilwirtschaft-Experte Guido Reinking, finanztip-Geschäftsführer und -Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen, Vorstandsmitglied Dr. Jörg Rheinländer von der HUK-COBURG sowie Prof. Dr. Fred Wagner vom IVL (von links nach rechts) auf dem Podium.

Die Vorteile der individuelleren Versicherungspolicen überzeugten bereits rund 200.000 Telematik-Kunden der HUK-COBURG, berichtete Dr. Jörg Rheinländer: Diese bekommen beim größten deutschen Kfz-Versicherer einen kleinen Sensor zugeschickt, den sie im Auto an die Frontscheibe kleben. Damit werden Daten zur Fahrweise wie Geschwindigkeit, Beschleunigen oder Bremsen registriert und über eine auf dem Handy des Kunden installierte App nicht nur an den Versicherer übermittelt – die Fahrer erhalten über das Handy für jede Fahrt auch ein entsprechendes Feedback. So wird die Kfz-Versicherung „anfassbar“.

Hermann-Josef Tenhagen bewertete die Preisgabe der Fahrdaten als „einen Deal, den man machen kann“. Wichtig sei dabei jedoch, dass der Kunde entscheidet und weiß, welche Daten er preisgibt und wie diese ausgewertet werden. Zur Risikoermittlung dürften aber Tageszeit und Örtlichkeit nicht herangezogen werden. Telematik sei auch „völlig in Ordnung, wenn der Verbraucher weiß, dass z. B. zu schnelles Fahren seine Versicherung verteuern kann“. Weil man Risiken mit der neuen Telematik-Technik „besser eingefangen“ bekomme, müsse man gesellschaftlich dafür sein.

Gegen datenschutzgerecht gemachte Telematik hat auch Sven Hermerschmidt, „nichts einzuwenden – wenn über Freiwilligkeit, Transparenz und Datensicherheit Vertrauen hergestellt wird“. Eine enge Zweckbindung der Daten, auch gegenüber staatlichen Interessen bzw. Einrichtungen, sei eine wesentliche Voraussetzung bei der Telematik. „Die Menschen wollen einen Benefit von der Digitalisierung haben“, ist der Datenschützer überzeugt. Gleichzeitig sei aber den wenigsten Autofahrern bewusst, was in ihren Fahrzeugen heute schon an Daten erhoben und verarbeitet werde. Gemessen daran sei die Telematik geradezu ein „simples“ Geschäftsmodell. Die Sensibilität der Daten bei Telematik sei, abgesehen von den Lokalisierungsdaten, noch vergleichsweise gering und müsse nicht zu einer unerwünschten Diskriminierung führen.

Guido Reinking bestätigte ebenfalls, dass Automobilhersteller heute schon viele Informationen über das Fahrverhalten der Autofahrer erhalten würden. Versicherer wie die HUK-COBURG holen mit der Verbindung zum Fahrer etwas nach, was die Autoindustrie schon längst hätte machen müssen – per Connectivity aus Fahrdaten Services generieren. Fahrdaten die Warnung vor Geschwindigkeitsübertretungen, Querbeschleunigung oder das Eingreifen von ABS und ESP könnten heute schon zur Verhinderung von Unfällen herangezogen werden.

Dazu merkte Dr. Rheinländer an, dass die Versicherer sich bei der Automobilindustrie intensiv für einen diskriminierungsfreien Zugang zu den vom Auto registrierten Daten einsetzten. Denn diese Daten gehörten letztlich dem Kunden und der müsse darüber bestimmen können, ob er er sie für einen Telematik-Tarif an seinen Versicherer gebe. Zudem wurde in einer Testgruppe festgestellt, dass sich die Schadenshäufigkeit mit einem Telematik-Tarif deutlich vermindern lasse. Auch das Versicherungskollektiv werde nicht ausgehebelt, wenn der jeweilige Nachlass adäquat sei.

Heute gebe es schon individuelle Preise, fügte Prof. Dr. Wagner hinzu. Bei der Tarifierung würden aber Ersatzmerkmale für Unfallgefahr wie Autotyp, Zulassungsregion, Dauer des Führerscheinbesitzes, gefahrene Kilometer pro Jahr oder Garagenunterbringung benutzt. Bei Telematik hingegen werde betrachtet, was wirklich über das Unfallrisiko entscheide, nämlich wie gefahren wird. Aus dem Echtverhalten von Fahrern werde treffend auf die Unfallwahrscheinlichkeit geschlossen und so für jedes Risiko der adäquate Preis in Form des Schadenserwartungswerts bezahlt. (Text und Fotos: Karl Seiler)

 

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