Volkswagen Arteon – eine göttliche Diva im Blechkleid

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Von Klaus H. Frank

Der erste Blick. Eine Diva. Ja, der VW Arteon ist eine Diva  – im Blechkleid. Diva übersetzt heißt: „die Göttliche“. Und das Design ist wahrhaft göttlich. Fließende Linien, harte Kanten, sportliche Eleganz. Aber auch eine Spur Aggressivität sieht der Betrachter beim direkten Blick ins Gesicht dieses wunderbaren Arteon mit dem extrem breiten Grill und den großen Lufteinlässen. Ein Auto zum Verlieben. Das hat es aus Wolfsburg noch nie gegeben. Halt, doch  – der Volkswagen CC war nahe dran, wurde dann aber von eben diesem noch viel schickeren Arteon abgelöst, von dem man glauben könnte, Design-Genie Peter Schreyer sei nach Wolfsburg zurückgekehrt und hätte wieder den Zeichenstift geschwungen, so gelungen ist die Linienführung.

Er ist ein Coupé, der Arteon – ein viertüriges zwar, aber dennoch ein richtiges, besitzt es doch rahmenlose Scheiben – ein absolutes Muss für diese Fahrzeuggattung. Und der Arteon ist auch Sportwagen, ein Gran Turismo (GT), hervorragend geeignet für die entspannte Langstrecke. Sportlich ist er vor allem in der R-Line. Im Stand schon schnell, lebt er auf großem Fuß mit dicken 20-Zöllern, die den Anspruch auf athletische Sportlichkeit dick unterstreichen. Dass der Arteon mit seinem Design nicht nur uns allein begeistert, stellen wir immer wieder beim Ampel-Stopp fest. Anerkennende Blicke werden uns zugeworfen und der Daumen nach oben gereckt – solche Bewunderung wird einem Volkswagen eher selten zuteil.

Schaun wir doch mal rein – und sind etwas enttäuscht. So emotional der Arteon im Außendesign ist, so bieder ist er im Innenraum. Hier ist er weitgehend ein simpler Passat mit allen Vor- und Nachteilen – von Göttlichkeit weit entfernt. Hier fühlt sich auch der Generalvertreter für Haushaltsversicherungen wohl, denn das Interieur kennt er aus seinem Dienstwagen, dem Passat. Die Ergonomie ist zwar perfekt, die Bedienung ergonomisch und simpel, die Verarbeitung präzise und die Materialien nicht billig – aber es ist halt Passat. Nur beim Gestühl merkt der aufmerksame Zeitgenosse, dass der Arteon doch anders gestrickt ist als der normale Passat. Die von der „Aktion Gesunder Rücken“ (AGR) zertifizierten Sitze (in Leder 1240 Euro) sind sportlich, mit sehr gutem Seitenhalt dank dicker Seitenwangen und sie besitzen eine Massagefunktionen. Aaaah, wie angenehm . . .

Die Alltagstauglichkeit ist gut, das Platzangebot enorm, obwohl der Arteon mit der geringen Höhe von 1,45 Metern sehr geduckt da steht und das Dach sich nicht nach oben hin aufbläht, sondern sanft ins Fließheck hinein ausläuft. Passagiere sitzen vorne wie hinten bequem – die Länge (4,86 Meter) und der üppige Radstand von 2,83 Metern machen es möglich. Auch das Fassungsvermögen des Kofferraums kann sich sehen lassen: Normal schluckt das Gepäckabteil 563 Liter, nach Umklappen der Rückbank reicht das Volumen mit 1557 Litern an die Größe eines Kombis heran. Ein Blick auf die Materialien mit viel Klarlack und Metall sowie die Verarbeitungsqualität sagt uns, dass der Arteon in dieser Hinsicht wohl doch so etwas wie ein Nachfolger des Phaetons ist – auch wenn er dies nach Volkswagen-Aussagen nicht sein soll.

Der Arbeitsplatz ist aufgeräumt, das konfigurierbare digitale Cockpit direkt im Blick des Fahrers gut ablesbar und überzeugend in seiner Darstellung. Klasse ist der zentrale, riesige Monitor mit 9,2 Zoll (510 Euro), der sich per Gestensteuerung, also wischen und klicken, bedienen lässt. Wäre dieser Monitor zur Bedienung von Radio, Navigation (1995 Euro) oder Telefon nicht eingebaut, dann hätten wir ein Original Passat-Cockpit vor uns. Und immer wieder unser Hinweis: Bleibt doch bitteschön bei der Regelung der Lautstärke des Radio beim simplen Drehknopf. Die Bedienung übers Touchscreen ist viel zu umständlich und nicht ungefährlich, weil der Fahrer den Blick von der Straße nehmen muss.

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Ohne Assis geht nix. Auch nicht im Arteon. Wie nicht anders zu erwarten, sind die Fahrerassistenz-Systeme komplett – alle Heinzelmännchen stehen Gewehr bei Fuß. Ein Segen für alle Autofahrer ist die automatische Abstandsregelung ACC (bis 210 km/h), die auch auf Infos des Navis zurückgreift und zum Beispiel bei Erkennen eines Tempolimits die Geschwindigkeit herunterregelt, bevor ein grauer Kasten am Straßenrand Fotos knipst, die dann von Beamten in Uniform verschickt werden – mit Knöllchen, ärgerlich. Das neue, dynamische Kurvenlicht erkennt aufgrund der Daten des Navigationssystems, wann eine Kurve kommt und leuchtet sie bereits aus, bevor der Fahrer sie umrundet. Anderes Beispiel: Im extremsten Fall der Fälle geleitet ein Emergency Assist den Arteon an den Straßenrand und stellt ihn dort ab, sollte dem Fahrer schlecht werden, er ohne Bewusstsein, also nicht mehr fahrfähig sein. Dies kann im Notfall ein lebensrettender Assistent sein. Ein Spurhaltesystem (enthalten im Fahrerassistenzpaket für 1875 Euro) ist ebenso vorhanden wie das Active Light System, das jeden Cent der 1260 Euro Aufpreis wert ist. Da VW ursprünglich ein echtes Head-up-System nicht auf dem Plan hatte, war eine Nachrüstung nicht mehr möglich, sodass nun ein postkartengroßes Scheibchen aus dem Cockpit ausfährt, worauf Navi-Infos, Tempo etc. eingeblendet sind. Das kleine Ding erfüllt seinen Zweck, kostet aber 565 Euro.

Zündung ein und drauf aufs Gas. Nun ja, ein echter Sportwagen ist mit einem 190-PS-Diesel nicht adäquat motorisiert. Keine Frage, auch dieser Selbstzünder geht recht ordentlich, hat unten raus ausreichend Kraft dank 400 Newtonmeter bei 1900 U/min., aber echtes Sportwagenfeeling will nicht aufkommen. Obwohl: Der Sprint in acht Sekunden auf Tempo 100 (mit Sieben-Gang-DSG) und 238 km/h Höchstgeschwindigkeit klingen gar nicht so übel, genauso wie der sonore Sound, den die schmalen chromumrandeten Endrohre hinausblasen. Unser Tipp: Wer‘s echt sportlich haben will, muss den 272 PS starken Benziner bestellen.

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Krach nervt. Deshalb genießen wir den angenehm niedrigen Lärmpegel im Innenraum des Arteon dank eines 580 Euro teuren Akustikpakets mit gedämmten Scheiben, die die lärmende Außenwelt quasi aussperren. In Sachen Verbrauch fährt der 190-PSArteon ein paar dicke Pluspunkte ein. Die Norm von 4,7 Litern schaffen wir zwar nicht ganz, sind aber auf der Landstraße ganz nah dran, wenn wir das Gaspedal nur sanft streicheln und unsere sportlichen Ambitionen mal außen vor lassen. Werden die jedoch geweckt, dann schraubt sich der Verbrauch schon mal in Richtung zehn Liter – aber nur vorübergehend. Im Test verbraucht der Arteon summa summarum 6,3 Liter – was wir als sehr gut bezeichnen wollen.

Um die Ecken geht er gut, der Arteon. Das straff abgestimmte, 20 Millimeter tiefer gelegte Sportfahrwerk des R-Line-Pakets schluckt trotz etwas mehr Härte klaglos Querfugen und kleinere Schlaglöcher. Mit der adaptiven Fahrwerksregelung DCC (1200 Euro) kann das Fahrwerk nach Wunsch des Piloten normal, sportlich oder komfortabel abgestimmt werden. Beim Durchfahren von Kurven untersteuert der Fronttriebler im Grenzbereich ganz leicht, macht aber damit keine großen Probleme. Die Lenkung ist angenehm direkt und die Bremsen gut dosierbar und fest zupackend.

Fazit: Ästheten mit Freude an einem schicken Design liegen beim Kauf eines Arteon goldrichtig. Und vom Preis her gesehen ist die Basisversion mit dem Sechsgang-Handschalter und dem kleinen 150-PS-Diesel (44 560 Euro) durchaus auch erschwinglich. Der von uns gefahrene Arteon in der R-Line mit dem 190-PS-Diesel kostet 49 235 Euro. Die Top-Version mit dem temperamentvollen 272-PS-Benziner und Allradantrieb liegt bei 53 660 Euro, der stärkste Diesel (250 PS, 500 Nm) schlägt mit 55 530 Euro zu Buche. (autour24/khf)

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