Elektrisierende Perspektiven für den Weg zum Ziel

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Von Kurt Sohnemann

St. Anton. „Viele Jahre lang sind wir mit den Wanderstiefeln unterwegs gewesen, auch schon mal mit dem Fahrrad. Aber das Entdecken der Akkus für Fahrräder ist eine wunderbare Erfahrung für uns geworden“, schwärmen Bernd und Claudia aus Rosenheim. Die Endvierziger sind nicht die Einzigen, die sich vor der großen Sporthalle des Bergdorfes St. Anton am Arlberg einfinden. Hunderte sind dem Angebot gefolgt, die Berge mit Hilfe der Elektronenergie zu erklimmen. In unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden können die Erfahrungskilometer abgespult werden. Wer sich lieber auf Schotterpisten konzentrieren will, ist zumeist in eine Ausrüstung gehüllt, die viele Profis vor Neid erblassen lässt. Andere gehen die Höhenmeter ganz gelassen an und setzen sich in Freizeitkleidung auf das Bike mit den Stollenreifen. Jetzt steigen auch die Menschen auf zwei Räder, die das Velo bestenfalls zum Holen von Zigaretten genutzt haben. Elektroenergie aus der Konserve greift positiv in die Bewegungsabläufe ein, die sehr häufig nur auf dem Sofa kommentiert wurden.

Eine der Pioniergemeinden hinsichtlich des elektrifizierten Mountainbikens ist St. Anton am Arlberg in Österreich. Gäste, die es ursprünglich mit der Tucholsky-Weisheit „Berge von unten, Kirchen von außen und Wirtshäuser von innen“ gehalten haben, werden neuerdings in luftigen Höhen gesichtet, in denen sie zuvor nur Gämsen mutmaßten. Um die Bewegungsart einem breiten Publikum zugängig zu machen, hat St. Anton zum E-Bike-Fest eingeladen und regelmäßige Führungen mit Guides per Bike in die Berge auf den Veranstaltungsplan genommen. Unterschiedliche Routen und Schwierigkeitsgrade garantieren dabei die Vielseitigkeit.

Mountainbikes werden zum zweiten St. Antoner E-Bike-Fest von unterschiedlichen Herstellern gegen Kaution zur Verfügung gestellt. Die ortskundigen Guides kreisen derweil um ihre anvertrauten Gruppen, um diese im Genießermodus über die weitgehend befestigten Wanderwege durch die malerische Landschaft zu geleiten. Natürlich gibt es auch Touren, die für anspruchsvollere Zwecke ausgewählt wurden. Während Tourismusdirektor Martin Ebster stolz eine dreifache Anzahl der Teilnehmer gegenüber dem Vorjahr verkündet, obwohl die Wolken nicht die besten Aussichten zulassen, sind von offizieller Seite sonnige Verhältnisse gegeben. Fünf Jahre lang werden die E-Bike-Tage in St. Anton stattfinden. Das garantiert den Gästen eine geschmeidige Fahrt entlang der mehr oder minder reißenden Rosanna, dem Fluss, der sich Richtung Inn schlängelt. Die zweite Veranstaltung in 2019 unterstreicht die Entscheidung des Engagements von St. Anton. Aber es ist nicht nur diese Veranstaltung, die für Betrieb mit den Akku-Rädern sorgt. Wer nicht mehr gut zu Fuß ist, wer noch mehr erleben möchte, als in Wanderstiefeln, der findet schnell die komfortable Lösung, die geradezu neue Massen für sich elektrisiert.

 

Während der Ritt auf dem E-Mountainbike unterhalb des Stadions beginnt, das nach dem berühmtesten Sportler des Ortes Karl Schranz benannt ist, führt der Weg in Richtung Patteriol. Der 3.056 Meter hohe Berg in der Verwallgruppe Tirols weist wie ein Finger den Weg des beliebtesten Trails, dessen Ziel die Konstanzer Hütte ist. Entlang der Schluchten, die von der üppigen Vegetation gesäumt sind, über die Rosanna, wo sie für die Elektrizitätsversorgung der 2.500-Seelen-Gemeinde St. Anton sorgt, zieht sich der Weg in moderaten Steigungen durch das Tiroler Verwall-Bergland. Die vier Unterstützungsstufen des Akkus können sich bewähren, wenn sich die Gruppen an den im Sommer letzten Schneebrettern oberhalb der Wachstumsgrenze hochschlängeln. Hin und wieder dürfen sich die Radler die Piste mit Rindviechern, Ziegen und Schafen teilen. Das Miteinander verbindet und sorgt für Abwechslung.

„Wir wollen den Sommer bei uns attraktiver machen“, begründet Martin Ebster die E-Bike-Initiative, bei dem ihn ein halbes Dutzend Sportgeschäfte in St. Anton mit den immer beliebter werdenden Drahteseln unterstützen. „Auch E-Mountainbikes für Kinder werden das Angebot zukünftig abrunden“, erzählt er von seinen Plänen, die St. Anton nicht nur im Winter zum Magneten in Österreich machen.

Dann werden sicherlich bald weniger Hotels im Sommer nur die halbe Bettenzahl belegt haben. Die 12-jährige Lea aus der Bodensee-Region ist fest davon überzeugt, dass es jetzt viel mehr Sommertouristen in St. Anton geben wird, denn: „Das ist megageil, mit dem E-Mountainbike durch die Gegend zu radeln. Hier kann man ja auch selbst bestimmen, wie groß die Unterstützung sein soll.“ Wenn ihr danach ist, kann sie ja auch die Hürden angehen, die ansonsten nur von erfahrenen Bikern absolviert werden.

Trotz der Elektrifizierung der Fahrräder sind deshalb aber noch nicht die Wanderer und Betreiber sonstiger Freizeitaktivitäten abgeschrieben. Sie haben die uneingeschränkte Unterstützung der Touristiker vor Ort, vergnügen sich in Hallen- und Freibad, lassen sich in den Wellness-Einrichtungen verwöhnen oder eifern der Treffsicherheit von Robin Hood beim Bogenschießen nach. Auch Yoga steht bei den Gästen hoch im Kurs und auf den Angebotslisten des Personals im Ort, das für die Vermeidung von Langeweile tätig ist.

Selbstverständlich ist St. Anton am Arlberg vornehmlich dem Wintersport zugetan. Das lässt sich nicht verleugnen, wenn ein Besuch des Skimuseums des Ortes auf dem Plan steht. Dort ist nicht nur die Küche eine Einladung zum Besuch, auch die Dokumentation in dem typischen Tirolerhaus traditionellen Zuschnitts fasziniert. Unumwunden zeigt es die dunkelsten Kapitel der Region ebenso auf wie die Sternstunden.

Vielen Gästen ist allerdings unangenehm aufgefallen, dass sich die Sommerpreise den Hochsaisonpreisen merklich genähert haben. Schon bei der Vignette für die Maut und die Extragebühren für die Fahrt durch den Arlbergtunnel in beide Richtungen sind mindestens 30 Euro in der Tasche unverzichtbar.

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