Volkswagen Amarok – Lastenesel oder „Must-have“ für Lifestyle-Freaks

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Von Klaus H. Frank

Ja, was sind sie denn nun, diese Pick-ups? Nutzfahrzeug und Arbeitsgerät für Gärtner, Förster und Handwerker? Oder Lifestyle-Gadget für die automobile Schickeria auf Großstadt-Boulevards? Ich würde sagen: Von allem ein bisschen, nichts ist falsch, fast alles stimmt. Um dem etwas näher auf den Grund zu gehen, haben wir den Volkswagen Amarok in unseren Testwagenfuhrpark gestellt – und zwar das stärkste Modell mit 258 PS in der Ausführung Highline.

Nun, wenn’s um eine Rangfolge in der Bewunderungsskala geht, dann liegen junge trendige Menschen eindeutig vorne. Für sie ist der Amarok ein echter Eyecatcher, ein „Must-have“ – wenn die Kohle stimmt. Generation Silberlocke scheint so ein Pritschenwagen (wie sie ihn nennen) nicht vom Hocker zu reißen: Bei Senioren sind eher Opel Meriva oder VW Golf Sportsvan angesagt – da passen Wackel-Dackel und umhäkelte Klopapier-Rolle besser auf die Hutablage (beim Pick-up gibt’s so was nicht).

Wer einen Amarok als Arbeitsgerät ins Visier nimmt, liegt auf jeden Fall goldrichtig. Denn dieser Volkswagen-Pick-up kann immens viel  – egal ob auf Asphalt oder im Gelände. Wenn halt der relativ hohe Preis nicht wäre. Da greift der scharf kalkulierende Handwerksmeister eventuell dann doch lieber auf was Gebrauchtes aus Fernost zurück.

Und falls jemand unsere ganz persönliche Meinung hören will? Wir finden so einen Pick-up geil. Hunderttausende Amis können da wohl nicht irren. In den US-Staaten sind die praktischen und schicken Pick-ups schon seit Jahrzehnten angekommen, gehören fast zum guten Ton.

Doch bleiben wir beim Amarok, den die Nutzfahrzeugsparte von Volkswagen im Jahr 2010 aus der Taufe gehoben hat. Design-Objekte von Volkswagen sind rar – und deshalb ist auch der Amarok nicht unbedingt in diese Kategorie einzuordnen. Aber er ist schick. Mit seiner bulligen Front, großem VW-Emblem im markanten Chrom-Grill mit Längs- und Quer-Rippen wirkt er präsent, aber nicht martialisch. Sehr gut gelungen und unauffällig ist der Übergang von Doppelkabine zur Ladefläche – das haben andere nicht so gut gelöst. Leider hatte unser Testfahrzeug in der Highline-Ausführung nicht den tollen Überroll-Bügel, den Volkswagen – warum auch immer – Sports Bar nennt. Den gibt’s nur in der absoluten Top-Version „Aventura“. Eine gewisse Eleganz ist dem Amarok auch so keinesfalls abzusprechen. Etwas mickrig, aber gut fürs Fahren im Gelände, sind die 17-Zoll-Winterräder, die unter den ausladenden Radhäusern verschwindend klein wirken. Da müssen 20-Zöller rein.

Unser Amarok ist eine Doppelkabine mit 5,32 Metern Länge. Die Platzverhältnisse im Innenraum sind für fünf Personen ausgelegt und durchaus ausreichend. Auch in der zweiten Reihe lässt es sich gut reisen, sofern die vorderen Passagiere ihre Sitze nicht bis zum Anschlag nach hinten schieben. Hinten gibt’s auf den Außensitzen sogar Isofix-Befestigungen.

Natürlich ist so ein Pick-up keine Komfort-Oase. Aber trotzdem fühlt man sich wohl auf bequemem Ledergestühl vor einer ansprechenden Armaturentafel (fast wie im Pkw) mit Infotainmentsystem und einem etwas klein geratenen Touch-Display. Natürlich haben die Amarok-Entwickler besonders auf Nutzen und Alltagstauglichkeit geachtet. Deshalb ist pflegeleichtes Hartplastik keine Seltenheit im durchaus ansprechenden Innenraum, der, wie bei Volkswagen üblich, top verarbeitet ist. Ungeheuer praktisch sind eine Ablage auf der Armaturentafel,  Staufächer unter den Vordersitzen und vier Becherhalter. Serienmäßige Ausstattungsdetails sind etwas dünn gesät. Es gibt unter anderem Bi-Xenon-Scheinwerfer, Parkpilot mit Rückfahrkamera, Klimaautomatik, Radio, USB-Anschlüsse und Touchscreen. Wer hier in die Vollen gehen will, muss sich bei den Sonderausstattungen bedienen – und zahlen.

Wenn’s um Alltagsnutzen geht, dann hat ein Pick-up stets die Nase vorn, denn so eine offene (aber auch verschließbare) Ladefläche ist ja wirklich praktisch. Den alten Geschirrspüler einfach drauf werfen – und ab geht’s in den Wertstoffhof. Auf Kratzer oder auslaufendes Restspülwasser muss nicht geachtet werden, denn die Ladefläche ist mit dickem abwaschbarem Kunststoff beplankt.

Fährt der VW Amarok mit den serienmäßigen 2+1-Blattfedern, dann liegt die Nutzlast bei 836 Kilogramm, die optionalen 3+2-Blattfedern erlauben sogar eine Zuladung bis 1040 Kilogramm auf der 2,52-Quadratmeter großen Pritsche (1,56 x 1,62 Meter). Die Anhängelast beträgt 3,3 Tonnen. Dank der außergewöhnlichen Durchladebreite der Ladefläche von 1,22 Metern ist es sogar möglich,  Europaletten quer zu laden. Die Ladekantenhöhe beträgt 78 Zentimeter, die Bordwände sind zirka 50 Zentimeter hoch. Die Ladeklappe ist mit 200 Kilogramm belastbar und kann so zur Verlängerung der Ladefläche dienen. Eine auf Wunsch lieferbare Laderaumabdeckung aus Aluminium schützt das Transportgut vor Nässe, Staub und neugierigen Blicken. Leider ist sie mit einem Gurtband etwas fummelig zu bedienen und beim Beladen ständig im Weg. Aber es klappt.

Sahnestück in unserem Test-Amarok ist das Triebwerk: Ein seidenweich und  kultiviert laufender Dreiliter-V6-Diesel mit 258 PS (zwischen 3250 und 4500 U/min.) und dem mächtigen maximalen Drehmoment von 580 Newtonmetern schon ab 1400  Touren (im Boost-Modus sind es sogar kurzzeitig 272 PS und 600 Nm). Gekoppelt ist das Ganze mit dem permanenten 4Motion-Allradantrieb mit einer Momentenverteilung von 40:60, einem zentralen Torsen-Differential und einer achtstufigen Wandler-Automatik. Eine Geländeuntersetzung gibt es nicht. Ist auch nicht unbedingt notwendig, denn die ersten Gänge sind relativ eng gespreizt. Der Erste ist so kurz übersetzt, dass er wie eine Untersetzung wirkt.

Es ist nicht zu erwarten, aber dieses Triebwerk verleiht dem immerhin knapp zweieinhalb Tonnen schweren Amarok Sprinter-Qualitäten, die man nur von „Schmitz Katze“ kennt: er geht ab wie eben dieses kleine Schmusetier und zieht los, wie es eigentlich nur Sportwagen können. Die Beschleunigung auf 100 absolviert er in 7,3 Sekunden, die Spitze liegt etwas über der „Schallmauer“ von 200 km/h. Trotz dieser hohen Leistung hält sich der Verbrauch in Grenzen: VW nennt einen Normverbrauch von 8,3 Litern. Im „wirklichen Leben“ sind es dann 10,3 Liter.

Solch hohe Fahrleistungen erfordern eigentlich ein modernes Fahrwerk – doch da erwischt man den Amarok auf dem falschen Fuß. Vorne Mc-Pherson – das ist okay, aber hinten rollt der Amarok wie anno dazumal auf einer Blattfeder-Starrachsen-Kombination. Und erstaunlich, dass das sogar funktioniert. Die Fahrstabilität ist in Ordnung und soll mit genügend Gewicht auf der Ladefläche sogar immer besser werden – sagen VW-Experten. Der Federungskomfort ist durchaus ausreichend und malträtiert die Bandscheiben der Passagiere nicht über Gebühr. Vor allem nicht im unwegsamen, holprigen Gelände.

In Anbetracht unseres Faibles für Umweltschonung haben wir den Amarok jedoch nicht durch die heimischen Wiesen und Wälder gepeitscht, um seine Geländetauglichkeit zu testen, sondern verlassen uns auf die Angaben von Volkswagen. Deren Experten sagen, dass der Amarok den meisten SUV mindestens ebenbürtig sei. Garant hierfür:  20 Zentimeter Bodenfreiheit, ein klassischer Leiterrahmen und genannte althergebrachte Starrachse. So meistert der Amarok in den Bergen mühelos Steigungen bis zu 100 Prozent (45 Grad), sogar mit der Last von einer Tonne „auf dem Rücken“ und scheut auch nicht gefährlich wirkende Abfahrten dank einer Bergabfahrhilfe. Deren clevere Elektronik geleitet den Pick-up ohne Eingreifen des Fahrers (der muss die Füße still halten) im Schritttempo wieder sicher ins Tal. Für Off-Road-Freaks noch folgender Hinweis: Die maximalen Böschungswinkel des Amarok betragen 29,5 Grad  vorn und 18 Grad  hinten, der Rampenwinkel 15,6 Grad. Wasserdurchfahrten sind bis zu einer Wattiefe von 50 Zentimetern kein Problem. Einzig lästig – nicht nur im Gelände – ist der riesige Wendekreis von nahezu 13 Metern.

Man kann sich schnell Verlieben in dieses rustikale Gefährt, mit dem der Fahrer im interessierten Freundeskreis stets im Mittelpunkt steht und sich in jeder Situation sicher fühlt, wie in Abrahams Schoß. Obwohl: Der technische Stand der Sicherheit müsste mal upgedatet werden. Denn mit Assistenzsystemen, die uns in ihrer Vielfalt und Komplexität auch manchmal etwas verwirren, hat der Amarok nicht sehr viel am Hut. Erwähnt werden müssen aber zumindest die Multikollisionsbremse, die bei einem Crash Folgeunfälle verhindern soll und eine Gespann-Stabilisierung, die den Amarok zum sicheren Zugfahrzeug für Wohnwagen und Pferdeanhänger macht.

Über die Höhe des Preises muss sich jeder selbst ein Urteil bilden: Der Volkswagen Amarok Highline 3.0 TDI kostet 51 384 Euro. Kein Schnäppchen sicher – aber im Vergleich mit anderen Pick-ups ein fairer Preis. (autour24/khf).

Technische Daten Amarok Highline 3.0 TDI: Länge x Breite x Höhe (in Metern): 5,32 x 1,95 x 1,83, Radstand 3,10 Meter. Dreiliter-V6 Commonrail-Turbodiesel, 190 kW (258 PS), max. Drehmoment: 580 Nm bei 1.400 bis 3.000 U/min. 8-Gang-Wandler-Automatik. Allradantrieb 4Motion, Verbrauch kombiniert (NEFZ-Norm): 8,3 l/100 km Testverbrauch: 10,3 L/100 km. CO2-Emissionen: 220 g/km. Abgasnorm: Euro 6. Höchstgeschwindigkeit: 205 km/h, Beschleunigung von 0 auf 100 km/h: 7,3 sec. Leergewicht: 2.324 kg.  Böschungswinkel vorn/hinten: 29,5°/18°, Rampenwinkel: 15,6°, Bodenfreiheit: 192 mm, Steigung max.: 100 %. Anhängelast ungebremst/gebremst 12% in kg: 750/3.300. Ladefläche: 2,52 qm. Kraftstofftank: 80 Liter. Preis 51384 Euro.

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