West-Autos in der DDR

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Eine Rezension von Dr. Klaus Zwingenberger

Ein West-Autor knüpft sich Ost- und West-Archive vor, um zusammenzutragen, was Ost-Deutschland an West-Autos auf Ost-Straßen fahren ließ.

Ein gemeiner DDR-Mensch wird im Jahre 1986 volljährig. Zu den ersten Handlungen als Erwachsener gibt er beim VEB IFA-Vertrieb eine Pkw-Bestellung auf. Er stellt sich darauf ein, dass sie nach zehn bis 14 Jahren realisiert wird.

Der besondere DDR-Mensch Erich Honecker wünscht sich zum gleichen Zeitpunkt eine neue Limousine zum Repräsentieren als Generalsekretär der herrschenden SED und als Vorsitzender des Staatsrats der DDR. Er hat seinen Wunsch noch gar nicht zu Ende gebracht, da stürzen seine eilfertigen Genossen los, sich bei Volvo in Schweden und im PSA-Konzern in Frankreich nach Nachfolgern für die in die Jahre gekommenen ersten Staats- und Parteikarossen aus der Mitte der 70er Jahre zu erkundigen. Dieser Erste Genosse sowie seine auf Sicherheit bedachte Entourage hat Sonderwünsche: größerer Radstand für mehr Beinfreiheit, Panzerung für mehr Sicherheit, zusätzliche Ausstattung für mehr Pläsier. Die Genossen schwärmen aus, besuchen Umbau-Spezialwerkstätten in Schweden, Großbritannien, Frankreich und Italien. Wenn man das bei Björn Herrmann in aller Ausführlichkeit liest, muss man sich nicht wundern, dass die DDR das bekannte Ende nahm. Partei- und Regierung hatten in den 70er und 80er Jahren alle Hände voll zu tun, sich um ihren West-Auto-Fuhrpark zu kümmern, nachdem ihnen die sowjetischen Tschaika und tschechoslowakischen Tatra nicht mehr gut genug erschienen. Da blieb fürs Regieren wenig Zeit.

Dieser Westdrall ist zwar bekannt, wird im vorliegenden Buch aber erstmals mit Dokumenten aus mehreren deutschen Archiven belegt. Es ist das Verdienst Björn Herrmanns, nicht nur immer wieder Vermutetes erneut aufzuschreiben, sondern sich auf Originalquellen zu stützen. Natürlich sind ihm Grenzen gesetzt. Partei- und Staatsführung befleißigten sich in all ihren Herrschafts-Jahren einer Geheimniskrämerei, als befänden sie sich noch im illegalen Partisanenkampf. Waren DDR-Statistiken schon im Allgemeinen parteilinientreu geschönt, verkam alles, was mit dem Westen zu tun hatte, schnell zur Verschlusssache. Deshalb bleiben auch nach diesem Werk, in seiner Breite und Tiefe einzigartig, noch Lücken, die sicher nie geschlossen werden können. Denn vom ohnehin Unvollständigen, was 1989 vorlag, ist in den Wirren der Wendezeit Weiteres versehentlich und sicher auch absichtlich verschwunden. Aber was zu finden war, liegt jetzt vor. Und das ist nicht ohne.

Neben dieser Bonzen-Welt, die dem normalen DDR-Bürger natürlich verschlossen geblieben war, bringt der Bremer Autor auch Licht in die Welt der Autos, die vom Rest der Ostdeutschen gefahren wurde. Man wundert sich, was, wenngleich in geringen Stückzahlen, schon in den 50er, 60er und anfänglichen 70er Jahren den Weg vom Westen zu einer Zulassung im Osten fand, bevor dann ab 1978 mit den Golf- und Mazda-Wellen erstmals Westautos für Ostmark zu haben waren. Dazu ist bereits einiges publiziert worden. Aber auch dazu findet der Neugierige unbekannte Episoden und Zusammenhänge, die das Wissen zu diesem Thema erweitern.

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Für DDR-Menschen ohne Westverwandtschaft und Westgeld war die Intershop- und Genex-Welt eine Terra incognita. Linientreue sahen sie als Ausgeburt des Teufels, also des Kapitalismus, den man täglich bekämpfte, sich vor ihm zu schützen hatte und dann das! Der große Rest des Ost-Volkes sah mehr oder minder neidisch zu, wie schön man es sich im Osten mit Westwaren, auch mit Autos, machen konnte. „West-Autos in der DDR“ zeigt das Gewirr an Regelungen rund um diese DM-Fahrzeuge. Der aufmerksame Leser wird hier und da Widersprüche oder Nichtnachvollziehbares entdecken. Aber so war die Realität. Der DDR-Ordnung wird gern eine besondere Penibilität nachgesagt. Im Nachhinein stellt sich heraus, dass sie mehr Fragezeichen zuließ, als man ihr lange zutraute.

Das Buch geht natürlich auch wieder der Frage nach, warum sich die DDR mit den West-Autos auf absolut brüchiges Ideologie-Eis begeben hat. Da ist die Erklärung, dass um 1960 herum Ärzte und Wissenschaftler vor der Republikflucht abgehalten, und wer nach dem Mauerbau 1961 noch im Osten war, für seine Treue belohnt werden sollte. Die geringen Stückzahlen dürften diesen Zweck nicht erfüllt haben. Das gilt auch für die weiteren Jahre. Oppositionelle Künstler etwa haben sich nicht mit Westwagen kaufen lassen. Nein, das Buch belegt eher, dass die DDR-Lenker letztlich planlos agierten, hier mal ein Loch zu stopfen versuchten, dort ein Mäntelchen vor Lücken hängten, um gleich an der nächsten Ecke eine Baustelle aufzumachen, die letztlich mehr einriss als Beständiges schaffte. So gesehen waren auch die West-Autos ein Sargnagel für das System. Vor allem die extra verlängerten, die am Ende den kurzen Prozess herauf beschwörten.

Der Autor: Björn Herrmann, Jahrgang 1973, ist für Autothemen ein Neuling. Er war Mitbegründer von concept-cultur bremen und tat sich bislang mit Veröffentlichungen und Ausstellungen zur Kultur- und Kunstgeschichte hervor. Mit der DDR-Fahrzeuggeschichte befasst er sich seit 1993. Bibliografisches: Björn Herrmann, West-Autos in der DDR, Verlag 79oktan oHG, 2019, 268 Seiten, 34,90 € plus Versandgebühren, ab15. März zu beziehen über http://www.79oktan.de. ISBN: 978-3-00-062003-4

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