Big Data – Bürgerschreck oder Hoffnungsträger?

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Am Rand des Verkehrsgerichtstags in Goslar veranstaltet alljährlich das von der HUK Coburg getragene Goslar Institut, die Studiengesellschaft für verbrauchergerechtes Versichern, eine Diskussionsrunde mit Experten. Heuer ging es um den Datenschutz – bei dem die Deutschen oft ein zwiespältiges Gefühl haben. Weit ist die Sorge verbreitet, persönliche Daten könnten für dunkle Zwecke missbraucht werden. Gleichzeitig gehen viele Menschen vor allem in den sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder Instagram mit ihren Daten äußerst sorglos um.

Zu diesem Phänomen gab das Goslar Institut im vergangenen Jahr eine umfangreiche wissenschaftliche Untersuchung mit dem Titel „Big Data: Bürgerschreck oder Hoffnungsträger?“ in Auftrag. Beim „Goslar Diskurs“ im ehemaligen Kloster Wöltingerode wurde die fast 200 Seiten starke Arbeit von Prof. Dr. Susanne Knorre vom Institut für Kommunikationsmanagement der Hochschule Osnabrück, Professor Horst-Müller Peters vom Institut für Versicherungswesen der Technischen Hochschule Köln und Prof. Dr. Fred Wagner vom Institut für Versicherungslehre (IVL)der Universität Leipzig diskutiert.

Beiderseits der traditionellen Moderatorin Carola Ferstl von n-tv, die 2008 vom World Economic Forum WEF zum „Young Global Leader“ ernannt wurde, saßen nach der Begrüßung durch Professor Klaus Kocks von der Cato-Sozietät (für den verhinderten Bundesminister a.D. Siegmar Gabriel) Dr. Thilo Weichert als Vorstand, Deutsche Vereinigung für Datenschutz e.V., Christoph Keese als Geschäftsführender Gesellschafter der Axel Springer hy GmbH, Klaus-Jürgen Heitmann als Sprecher der Vorstände der HUK-COBURG, Prof. Dr. Fred Wagner  und  Dr. Michael Giese, CEO der it’s my data GmbH (von links nach rechts) auf dem Podium.

Für Versicherungen jedweder Art gehöre das Sammeln von Daten ihrer Kunden seit Jahrzehnten zum Geschäftsprinzip, erläuterte Professor Dr. Fred Wagner als einer der Autoren der Studie. „Nur die Menge der Daten, ihre Art und die Geschwindigkeit des Aufkommens wächst rasant“, sagte der Wissenschaftler. „Deren Potenzial liegt in neuen Services, die das Leben der Menschen und die Geschäfte der Unternehmen verbessern sollen.“

Auch in der Medienbranche spielen die Daten der Konsumenten eine zunehmende Rolle, stellte Christoph Keese, fest: „Traditionelle Geschäftsmodelle verändern sich, neue haben sich bereits etabliert oder befinden sich in der Entwicklung.“ Persönliche Daten ihrer potenziellen Kunden oder Nutzer bedeuten für viele Unternehmen klingende Münze und manchmal geldwerte Summen in unvorstellbarer Höhe. Und die eigentlichen Besitzer der Daten? Sie gehen meist noch leer aus.

Dr. Michael Giese will dagegen dafür sorgen, dass jeder Einzelne mit seinen Daten Gewinn machen kann. „Unser Name ist Programm“, bekräftigt Giese. „Die Souveränität über seine Daten gehört dem Eigentümer. Er muss wissen, wer was über ihn sammelt, um dann zu entscheiden, was damit passiert und gegebenenfalls auch Geld verdienen.“

Gegen diese These protestierte Dr. Thilo Weichert vehement: „Ich habe sehr große Bedenken, ob der Konsument irgendwann einmal in der Lage sein wird, seine Daten selbst zu vermarkten. Das machen beispielsweise zwar heute bereits Promis mit ihren Werbebotschaften und Ähnlichem. Aber bei uns ist der Datenschutz viel zu schwach, um als Einzelner den Großkonzernen wie Google oder Facebook Paroli bieten zu können.“

„Wir beobachten sehr genau, was in unserem Umfeld – genauer gesagt rund ums Auto – passiert“, sagte Vorstandssprecher Klaus-Jürgen Heitmann von der HUK-Coburg-Versicherung. „Wir haben ja bereits einen Gegenwert für die Daten unserer Kunden im Angebot, nämlich den Telematik-Tarif bei dem wir mit dem Kunden einen Deal machen: Wir bauen Sensoren in ein Auto ein, die sein Fahrverhalten aufzeichnen. Wir glauben nämlich, dass davon eine für uns relevante Schadensvoraussage abzuleiten ist. Dafür gibt es dann möglicherweise Nachlässe und Rabatte.“

Heitmanns ganz besonderer Wunsch wäre es, von den Daten profitieren zu können, die schon heute bei allen Automobilherstellern einlaufen. „Wir könnten das für den Kunden noch viel attraktiver gestalten, wenn wir auf die Daten, die moderne Autos produzieren auch ohne eigene Infrastrukturmaßnahmen Zugriff bekämen.“ Doch in dieser Beziehung beißen die Versicherungsunternehmen bei den Autokonzernen zurzeit noch auf Granit.

Aus Sicht der Experten bedarf es eines Paradigmenwechsels im Umgang mit Big Data auf der einen Seite und dem Schutz von Daten auf der anderen Seite. Denn eine immer stärkere Regulierung von Big Data, wie sie zunehmend gefordert wird, um etwa international agierenden „Datenkraken“ Einhalt zu gebieten und letztlich auch den Bürger vor sich selbst zu schützen, soll nicht die Chancen der Digitalisierung verkennen,  geschweige denn zunichtemachen.

Der Paradigmenwechsel, welcher den Verfassern der Studie vorschwebt, beinhalte im Kern den Wandel der Datenschutzdiskussion vom Schutz- zum Handlungskonzept: Damit soll der Bürger in seiner Rolle als Nutzer digitaler Technologien so unterstützt werden, dass er seine Daten gezielt und sicher zu den von ihm gewünschten Zwecken weitergeben kann.

Am Ende der Diskussion lautete das Fazit: Big Data hat viele Vor- und ebenso viele Nachteile. Den anschaulichsten Vergleich führte Christoph Keese an: „Das Thema  ist Hoffnungsträger und Bürgerschreck zugleich. Man kann mit einem Messer Brot schneiden, aber auch Menschen verletzen.“ Noch drastischer drückte sich Thilo Weichert in seinem Schlusswort aus: „Ohne Big Data können wir in Zukunft keinen Frieden, keine Demokratie und keinen Umweltschutz realisieren. Wir brauchen künstliche Intelligenz, wir brauchen Big Data und wir brauchen eine Begeisterung dafür. Aber wir sind noch ganz weit weg davon, dass weltweit der Datenschutz effektiv reguliert wird.“

Text: ampnet/hrr/Seiler   Fotos: Karl Seiler

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