Borgward – eine Bestandsaufnahme

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Eine deutsche Marke in den Händen des chinesischen Lastwagen-Riesen Beiqi Foton Motor Company. Ihr Firmensitz liegt in Stuttgart, die Produktionsstätte in Miyun, nahe Peking. Was darf man vom Automobilhersteller erwarten, der den Namen der 1961 untergegangenen Marke Borgward aus dem Nichts wieder aufleben lässt, dafür eine Fabrikation in Bremen errichtet will, deren Grundsteinlegung sich verspätet, so dass der (Wieder-)Einstieg in europäische Märkte mehrfach verschoben werden musste? Und welche Rolle spielt dabei das Borgward-Geschäft in China?

54 Jahre nach Werkschließung in Bremen kündigt Borgward im Frühjahr 2015 seine Wiederauferstehung an. „Wir bauen ein Weltunternehmen auf!“, verlautet damals aus dem Führungszirkel der neu gegründeten Borgward AG. Mit dem BX7 fährt 2016 der erste Borgward an den chinesischen Markt, natürlich ein SUV. Die ersten 10.000 Einheiten, angetrieben von einem 224 PS starken 2,0-l-Vierzylinderturbo-Aggregat und beworben mit lebenslanger Garantie, werden in Städten zugelassen, die weniger restriktive Emissionsauflagen bieten. Peking und Shanghai zählen nicht dazu. Die ersten Autos wachsen in einer Foton-Fabrik. Ein Jahr später folgt der kompakte BX5. Beide SUV basieren auf der gleichen skalierbaren Plattform.

Für 2017 kündigt Borgward seinen Markteintritt in Europa an. Eine Elektroversion des BX7 solle den Anfang machen, heißt es damals. Etwas später ist von einem Hybridmodell die Rede, schließlich von der Europaversion des Mittelklasse-SUV mit Verbrenner. Am Ende wird die Europapremiere mehrfach verschoben. Medienvertreter setzen während dessen immer mehr Fragezeichen hinter das Projekt Borgward.

Für eine Bestandsaufnahme besuchen wir Borgward in China. Unser erster Eindruck: Der europäische Markt ist für das Unternehmen gar nicht so wichtig. Die Zukunft liegt in China! In jenem Markt, den eine optimistische Mittelschicht mit hohem Tempo treibt. Vergleichbar nur mit den Wirtschaftswunderjahren der deutschen Nachkriegszeit. Dabei setzt China auf die Reputation wohlklingender Namen, während neue Marken an Identitätsleere leiden. Am Ende suchen die meisten Chinesen weniger Produkt- denn Markenwerte – insbesondere beim Autokauf.

Auf 1,1 Millionen Quadratmeter steht heute in Miyun nahe Peking die „modernste automobile Fertigungsstätte der Welt“, wie Werksleiter Li Bin stolz verkündet: das für 385 Millionen Euro neu errichtete Borgward-Werk. Eine riesige Nachbildung des Schlüssels aus dem Bremer Stadtwappen an der Zufahrt symbolisiert die Verbundenheit mit der Tradition der Marke. Die Gebäude und repräsentativ gestalteten Freiflächen bedecken eine Größe von 150 Fußballfeldern. Hier sollen 360.000 Fahrzeuge jährlich entstehen, aktuell liege der Ausstoß bei 180.000 Einheiten. Die komplett vernetzte Anlage arbeite nach dem aktuell höchsten deutschen Industriestandard 4.0. Im Presswerk, der Lackiererei, an den für acht verschiedene Modelle ausgelegten Fertigungsstraßen, in Sektionen für Qualitätssicherung und den Logistikabteilungen leuchten die Namen bekannter westlicher Anlagenbauer. Der Automatisierungsgrad liegt bei 95 Prozent. Menschen sieht man nur wenige.

„Bis dato fahren 80.000 Borgward BX7 und BX5 auf chinesischen Straßen, verkauft von rund 200 Händlerbetrieben“, bestätigt Marketing-Chef Tom Anliker und verspricht, dass „die ersten BX7 TS (Touring Sport) für Europa im März Bremerhaven erreichen“. Als „Limited Edition“ dürfen Interessenten in Deutschland, Österreich und der Schweiz zunächst nicht mehr als 60 Einheiten erwarten. Was anspruchsvolle europäische, insbesondere deutsche Autofahrer schätzen, kommt bei chinesischen Kunden gut an. Das deutsche Markenzeichen von Borgward sei bereits heute Kauf entscheidendes Argument für Chinesen, bestätigen Analysten im Reich der Mitte. „Borgward wird von meinen Landsleuten auf Augenhöhe mit Mercedes-Benz, BMW und Volkswagen wahrgenommen“, stellt der Marketing-Direktor für Europa Philip Deng fest. „Doch, unsere SUV sind für eine breitere Kundenschicht bezahlbar!“

Da die Genehmigungsverfahren für die Borgward-Fertigungsstätte in Bremen sich im administrativen Geflecht deutscher Gründlichkeit verfangen hat, stammen die ersten Borgward zunächst aus chinesischer Produktion. Doch auch später entstehen die Fahrzeuge in Miyun, werden dort zerlegt, verpackt und nach Anlandung in Deutschland wieder zusammengesetzt. Folglich wird in Bremen eine CKD Fertigung hochgezogen, mit vergleichsweise geringem Lokalanteil.

„Wir möchten in Europa eine exklusive Marke mit knappem, begehrlichen Angebot werden“, so die Botschaft von Borgward-Chef Ulrich Walkers, die genau betrachtet eine weitere Spur zum eigentlich wichtigen China-Markt legt. Dort entscheiden zunehmend Autos mit elektrifiziertem Antrieb über die Zukunftsfähigkeit einer Marke.

So stellt Borgward zur Peking Autoshow im April 2018 den lange erwarteten BX i7 vor, die rein elektrisch angetriebene Version des 4,72 Meter langen, 1,92 Meter breiten und 1,69 Meter hohen Flaggschiffs. Für die im Selbstverständnis innovative Marke wird das EV in China ab Ende 2018 maßgeblich über die Innovationskraft des Unternehmens entscheiden. In 2019 soll der BX i7 dann auch in Bremen montiert werden.

Vom Stand weg beschleunigt der i7 mit 380V-Antriebssystem bereits im Fahrdynamik-Modus „Comfort“ rasant. Es liegen 220 Newtonmeter Drehmoment an der Vorderachse an, der dort verbaute E-Motor singt leise und dreht linear hoch. Noch beeindruckender erfolgt der Start im „Sport“-Modus, wenn auch der zweite E-Motor an der Hinterachse mit gleichfalls 220 Newtonmeter zulegt. Als Allradler wirkt der 270 PS starke und vermutlich knapp zwei Tonnen schwere Stromer erstaunlich leichtfüßig. Seine temperierten Lithium-Ionen-Akkus sind im Unterboden verbaut, ihre Kapazität von 50 Kilowattstunden soll eine Reichweite (NEFZ) von 300 Kilometer ermöglichen.

Neben den Fahrmodi Comfort und Sport stehen über Schalter in der Mittelkonsole auch Sport+ und 4×4 Modi bereit. Wobei dynamisches Fahren in Sport+ nicht nur stärkeres Rekuperieren erlaubt, sondern insbesondere von einer variablen Kraftverteilung zwischen den Achsen unterstützt wird. Dabei beaufschlagt die „virtuelle Kardanwelle“, deren Aufgaben ein Computer übernimmt, die Hinterachse stärker, was zu einer heckbetonten (sportlicheren) Antriebsauslegung führt.

Betankt wird der BXi7 mit 6,8 Kilowatt in bis zu acht Stunden an einer 220V-Haushaltssteckdose oder mit Gleichstrom in 30 Minuten bis zwei Stunden mit 100 bis 80 Kilowatt. Über eine Konditionierungsfunktion kann unter anderem der Fahrgastraum noch während des Ladebetriebs vortemperiert werden.

Bis zur Markteinführung in wenigen Monaten bleibt noch Zeit für Feinabstimmungen, etwa beim Abrollverhalten. Dem hohen Gewicht der Akkus geschuldet federt der Borgward EV, wie leider andere EVs auch, recht trocken ein, meldet nahezu jede Asphalt-Irritation ans Sitzfleisch der Passagiere und neigt seinen Aufbau in Kurven trotzdem gern zur Seite.

„Wir bündeln die besten Eigenschaften aus Ost und West“, antwortet Ulrich Walker ausweichend auf die Frage, ob Borgward nun ein deutsches oder chinesisches Unternehmen sei. Klar ist, dass die Wahrnehmung von Borgward als deutsche Marke den Erfolg in China treibt. Während diese Karte im europäischen Markt weniger sticht, wo niemand auf eine neue Automarke wartet – ob sie nun früher oder später kommt. (Jürgen Zöllter, mid)

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