Boom der Busse

Unter den rund 40 Anbietern herrscht ein knallharter Wettbewerb mit Dumpingpreisen. Bahn ist deutlich teurer und lange nicht so pünktlich.

Von Klaus H. Frank

Knapp zwei Jahre ist es her, dass der Fernbusmarkt liberalisiert wurde. Reisende können nun auch längere Strecken mit einem Linien-Bus fahren, was zum Schutz der Bahn vorher nicht möglich war. Fahrplanmäßigen Busverkehr gab’s nicht, wenn eine parallele Eisenbahnverbindung bestand.

Dank der Freigabe des Marktes brach Goldgräberstimmung aus bei Busunternehmen. Neue Anbieter mit knallbunten Bussen schossen wie Pilze aus dem Boden – etwa 40 von ihnen buhlen heute um Fahrgäste. Highflyer ist MeinFernbus, der etwa 45 Prozent Marktanteil besitzt und die Zahl seiner Busse nach der Liberalisierung von drei (!) auf jetzt 300 aufgestockt hat. Zweitgrößter Anbieter ist Flixbus mit rund 23 Prozent Marktanteil, auf Platz drei rangieren die der Bahn angegliederten Berlin Linien Bus und IC Bus mit gemeinsam rund zwölf Prozent.

Die Akzeptanz der Fernbusse bei den Fahrgästen ist groß. Kein Wunder. Sie sind im Vergleich zur Bahn deutlich preiswerter – und zuverlässig. Was von der Bahn aufgrund des permanenten Hickhacks mit der Lokführergewerkschaft GDL und den daraus resultierenden Streiks nicht behauptet werden kann. Die Busunternehmer allerdings lachen sich ins Fäustchen, denn billigere und effektivere Werbung als den jüngsten Bahn-Streik hätten sie nicht bekommen können.

Einen Nachteil haben sie allerdings, die Fernbusse: sie sind langsamer als die Bahn. Das jedoch wird von den Fahrgästen nicht unbedingt als Hindernis gesehen, denn die Vorteile in Sachen Komfort (vor allem die Ruhe im Bus) scheinen in ihren Augen zu überwiegen. Außerdem: Wer Bus fährt, hat freies WLAN, Entertainment und Strom an Bord, große Sitzabstände, Snacks und Getränke, kann Sperrgepäck oder auch das Fahrrad mitnehmen. Die Pünktlichkeit ist vorbildlich, denn in den Zentralen der Busunternehmen checken wachsame Augen, dass die Busse in keinen Stau geraten, leiten notfalls geschickt um.

Und dann natürlich die Preise. Aufgrund des gnadenlosen Wettbewerbs mit Dumping-Preisen werden Bus-Tickets über das Internet zum Teil regelrecht verramscht. Ein Beispiel: Wer morgens um 9 Uhr in München in einen MeinFernbus einsteigt, ist nach genau neun Stunden in Berlin. Dafür werden dem Buspassagier gerade mal 19 Euro abgeknöpft. Wer mit dem ICE reist, ist zwar schon nach sechs Stunden angekommen, muss jedoch 130 Euro zahlen – sofern er keine Aktionspreise nutzt. Nach einer Studie des Fernbusportals Fahrtenfuchs.de zahlen Gäste für eine Fahrt im Fernbus durchschnittlich fünf Euro pro 100 Kilometer, bei der Bahn liegt der Preis für 100 Kilometer zwischen 13 Euro und 25 Euro. Wichtig zu wissen: Wer früh bucht und das Internet nutzt, fährt besonders billig. Doch aufgepasst: Nicht alle fahren supergünstig. Mit dem Berlin Linien Bus nämlich kostet die beliebte Route München-Berlin schon 46 Euro. Und dass die Gesetze der freien Marktwirtschaft auch für die boomende Branche der Fernbusse gelten, spürten die von billigen Preisen verwöhnten Fahrgäste während des Bahn-Streiks besonders schnell: Da nämlich zogen die Preise wegen des starken Andrangs sprunghaft nach oben – ganz nach dem Motto: Die Nachfrage regelt den Preis.

Dennoch: Die niedrigen Preise (und damit die Profitabilität) schwingen wie ein Damokles-Schwert über der Fernbusbranche und werden, darüber sind sich alle Insider einig, auf Dauer nicht zu halten sein. Bisher gibt es keinen Fernbus-Anbieter, der in der Gewinnzone fährt. Dafür sind die Investitionen für die meist super-modernen Busse zu hoch und die Einnahmen (noch) zu niedrig. Einige, wie etwa der Fernbus-Pionier DeinBus.de oder City2City, mussten bereits die Segel streichen, sind pleite. Das spektakulärste Aus ereilte jetzt das Joint-Venture ADAC Postbus. Der skandalgebeutelte Autoclub ist „wegen des harten Preisdrucks in der Branche“ vor wenigen Tagen aus dem Fernbus-Engagement wieder ausgestiegen. Die Post jedoch lässt ihre Fernbusse weiter fahren, übernimmt die Anteile des ADAC und will das Netz nächstes Jahr sogar ausbauen.

Großer Verlierer im Wettstreit um Fahrgäste ist die Bahn. Etwa 44 Prozent der Fernbus-Kunden kommen von der Schiene. Der Umsatzverlust in 2014 könnte laut Bahn rund 50 Millionen Euro betragen. Großer Gewinner ist die Jugend. Nach Schätzungen der Bus-Branche sind rund 70 Prozent der Fernbus-Nutzer junge Leute, die sonst die Mitfahrzentrale nutzen oder denen der eigene Pkw auf der Langstrecke zu teuer ist. Doch auch ältere Menschen, denen das Umsteigen auf Bahnhöfen ein Gräuel ist, nutzen gern Fernbusse. Und dann gibt’s auch jene Passagiere, die wegen der hohen Kosten bisher überhaupt nicht gereist sind. Jetzt haben sie die Chance – aber wie lang halt noch?

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